Freitag, 8. April 2011

Teilchenphysiker "spekulieren über Zeitreisen"

Heute auf Platz 5 der meistverschickten Artikel bei Spiegel Online und zweitausendfach empfohlen auf Facebook: Ein "bislang nur auf der Webseite arxiv.org publizierter" Artikel über mögliche Zeitreisen von Higgs-Teilchen am LHC. Ich hab mir das mal angeschaut; wie zu erwarten, ist die "Theorie", die hier vertreten wird, voller elementarer Missverständnisse. Ohne meine Leser hier mit Details zu langweilen, nur zwei Beispiele: "Zeitreisen" in der Relativitätstheorie sind sog. geschlossene zeitartige Kurven, d.h. Bahnen, die ein massives Teilchen durchlaufen kann, die irgendwann zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Ausgangspunkt natürlich in der Raumzeit, d.h. in Raum und Zeit! Nicht so für die Autoren:

The "closed" condition of the CTC [i.e. closed timelike curve] can be satisfied easily in our metric due to the S^1 topology of the extra dimension. Namely, if a particle created on the brane propagates into the extra dimension, it will necessarily come back to u = 0 due to the periodic boundary condition.

In dem Modell der Autoren ist nämlich eine Extradimension als Kreis aufgerollt. Ihr Argument ist also: Da man in dieser Extradimension irgendwann wieder da ankommt, wo man gestartet ist, ist jede Kurve geschlossen! Nach dieser Argumentation führt jeder Satellit, der die Erde auf einer geschlossenen Bahn umkreist, Zeitreisen durch, denn er kommt ja wieder da an, wo er gestartet ist!!!! (Es sei hier angemerkt, dass arxiv kein Peer-Review hat, und man bloß einen Account braucht, um jeden beliebigen Schwachsinn zu posten.)

Als zweites Beispiel sei der Anhang angeführt, in dem die Autoren doch nochmal etwas mathematischer beweisen wollen, dass ihre Raumzeit (die einfach der flache Raum in anderen Koordinaten ist!) GZK hat. Sie haben nämlich mal mit Alan Guth (einem der berühmtesten Kosmologen der Welt) gesprochen, der ihnen versucht hat zu erklären, dass man ihn Raumzeiten ohne solche Kurven eine sog. "Zeitfunktion" definieren kann, die entlang jeder zeitartiger Kurve streng monoton ist. (Das ist hoffentlich klar: Wenn es eine solche Funktion gibt, kann sie entlang einer solchen Kurve entweder nur zu- oder nur abnehmen, ich kann also nicht zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren, da dann die Funktion ja wieder den ursprünglichen Wert annehmen müsste.) So weit so gut. Die Autoren "beweisen" nun, dass es geschlossene zeitartige Kurven gibt, indem sie eine beliebige von ihnen gewählte Zeitfunktion hinschreiben und beweisen, dass sie nicht monoton ist.

Nochmal einfacher: Richtig ist: Wenn A mit Eigenschaft B existiert, folgt Eigenschaft C.
Die Autoren schreiben: Da von uns gewähltes A Eigenschaft B nicht hat, muss Eigenschaft C falsch sein!

Solch wunderbar mathematisches Denken findet sich leider allzu oft in besonders US-amerikanischen Veröffentlichungen. Aber muss SPON das wirklich aufgreifen, nur weil LHC und Zeitreisen erwähnt werden? Wohl kaum!

Kommentare:

Tobi in Kopenhagen hat gesagt…

Also ein mir bekannter Physiker hat auch recht viel im "Arxiv" veröffentlicht. Sollte ich jetzt auch annehmen, dass das alles Schwachsinn ist?

Steffe hat gesagt…

Scheint erstmal die sicherste Annahme zu sein